Inferno 2014 – Ein erster Rückblick

Die Tage vor dem Rennen:

Ich habe versucht, das bevorstehende Rennen für ein paar Tage auszublenden. Ich wollte mit meinem Weib den Urlaub genießen. Meinen Kopf auf andere Gedanken bringen. Das Land, die Gegend und die Menschen vor Ort wahrnehmen. Die Möglichkeiten der Urlaubsregion nutzen.
So haben wir am Mittwoch eine einzigartige Canyoning Tour absolviert. Ich durfte mich natürlich weder verletzen noch erkranken. Aber auch hier spielt der Kopf eine entscheidende Rolle. So hieß es für uns, den Anweisungen der Guides zu folgen und den Tag genießen. Unverletzt, mit einem Riesen Spaß und ner Menge Action im kalten und rauschendem Wasser haben wir den Canyon bezwungen

Weiter ging es am Donnerstag mit einer Mountainbike Tour hoch nach Mürren. Einen ersten Eindruck der Berge sammeln und den Körper auf Temperatur bringen. Die Sonne auf 1600 Meter bei einem Radler genießen und Gefühl fürs Rad auf einer leicht technischen Abfahrt sammeln. Auch hier wurden noch wenige Gedanken ans Rennen verschwendet. Ich wollte für mein Weib da sein, denn dieses werde ich am Race Day noch richtig nötig haben.

Am Freitag musste ich dann allerdings das ganze Rennen schonmal im Kopf durchgehen. 5 Beutel mussten gepackt werden. Jeder zur richtigen Zeit am richtigen Ort und mit dem Wetter angepassten Kleidung versehen. Eine gute Vorbereitung zahlt sich im Rennen insofern aus, dass keine Gedanken mehr verschwendet werden müssen, sondern der Fokus auf Konzentration und Körper gelegt werden kann. Zum Glück ist dies mittlerweile zu einer meiner Stärken geworden J

 

Allerdings habe auch ich mich in den verschiedenen Wechselzonen dabei ertappt, mir Gedanken über die vollen Beutel der Mitstreiter gemacht zu haben. Warum alle soviel eingepackt haben. Warum das? Warum jenes? Ich bemerke diese Gedankengänge. Schiebe sie nach hinten und beruhe mich auf meine mentale Vorbereitung und darauf, dass meine „leeren“ Beutel nur das Nötigste aber damit auch alles Wichtige enthalten. Diese Tatsache hilft mir im Rennen, unnötige Gedanken über die Wahl der richtigen Klamotten zu vernachlässigen. Und bei einem Rennen über 10 Stunden, 155 km, 5500 HM und mit einer gemeldeten Temperaturdifferenz von mind 12 ° C ein nicht unerheblicher Wert, der sich später durchaus bestätigen sollte.

So beließ ich mein Material an den Wechselzonen und begab mich mit dem Weib zum Athleten Briefing in Mürren um letzte Informationen zu erhalten. Die Tatsache, dass das Schwimmen ausfallen sollte habe ich bereits beim Check In erfahren und diese Entscheidung zu einem positiven Aspekt verwertet, auch wenn der türkis blaue See zum Schwimmen nur so eingeladen hat. Stattdessen wurde eine kurze 3 km Strecke zum Einlaufen absolviert. Meine Entscheidung am frühen Morgen mit dem Bus anzureisen habe ich auf dem Rückweg mit dem Auto getroffen. Die Tatsache, nicht selbst zu überlegen, wohin ich genau muss, wo ich parken soll und ob ich früh genug da sein werde macht einen Rennmorgen wesentlich entspannter. Das Weib konnte auch 5 h länger im Bett liegen bleiben und ich habe meinen Kopf frei von möglicherweise blockierenden Gedanken. Einen Supporter bei 3 km Laufen ist ebenfalls nicht wirklich notwendig, so fiel die Entscheidung leicht, einen weiteren Part der tollen Organisation zu nutzen und um 04:50 h an der Talstation in Stechelberg zu sein sein, die ja nur 10 Gehminuten von unserem Chalet entfernt war.

Die angebotene Pasta beim Briefing war für mich allerdings keine Option, da ich auf meine eigene bewährte Kost zurückgreife. So gab es abends noch Süßkartoffel mit Butter, Amaranth mit Tomaten-Bolognese Soße und dazu gebratenen Kürbis. Mit einem doch recht guten Gefühl was die Vorbereitung anging habe ich mich ins Bett gelegt und sollte in 5 Stunden, 30 Minuten vom Wecker geweckt werden.

 

 

Race Day:

5 Minuten vorm Wecker wurde ich wach. Das nenn ich mal Timing. Ein Blick auf die Uhr, rüber zum Weib und aufgestanden. Leisen Trittes ins Bad und die zurecht gelegten Sachen angezogen. Alle Handgriffe waren geplant. Tee, Klamotten, Frühstück, Rucksack, Getränke. Kurz verabschieden, dann mit Stirnlampe um 04:30 h morgens rüber zum Bus.
Kopf ausschalten. Nichts kann mehr verändert werden. Entspannen. Los lassen. 50 Minuten Fahrt. Dunkelheit. Ruhe. Sonnenaufgang. See. Berge. Ein Bild für die Götter.
Sonnenaufgang. Schwarze Berge, Heller Himmel, Dunkles Wasser, kleine Lichter in der Ferne, Mondsichel.
Mit dem Schiff geht es nach Oberhofen. Der Geist kann weiter entspannen. Ich kann nichts mehr tun. Ich muss nichts mehr tun. Ein gutes Gefühl.
Das Schiff ist voll, laut, unruhig, stickig. Ich geh aufs oberste Deck. Dort bin ich fast alleine. Windstille. Kaum Kälte. Ruhe. Frische Luft. Ich kann mich zurücklegen. Tief einatmen. Stille. Fokussierung. Aber auch Genuss. 06:15 h und ich sitze gefühlt alleine auf einem Boot und schipper über einem See zwischen lauter dunklen hohen Bergen. Ich bin glücklich. Ich bin froh. Ich bin bereit.

07:00
In 15 Minuten ist Start. Jetzt. Tatsächlich. Leichte Nervosität. Anspannung. Locker warm machen. Dehnen. Klamotten aus, in Beutel packen und dann geht’s los. Zurück geht schon lange nicht mehr. Was erwartet mich? Halt ichs tatsächlich durch. Klappt alles? Ich schiebe die Gedanken weg. Natürlich klappt alles. Und wenn nicht, mache ich halt langsamer. Ich will oben ankommen. Gesund. Unverletzt. Mit vielen neuen Eindrücken. Ich will nicht gegen Konkurrenten kämpfen. Ich will mit ihnen kämpfen. Gegen die Höhe. Gegen die Kälte. Gegen die Länge. Gegen die Dauer.

Das Einlaufen war natürlich keine Belastung. Hinauf aufs Rad und nach 500 m in die erste Steigung. Rhythmus finden. Kette abgesprungen. Angehalten, aufgelegt und weiter. Keine Spur von Ängstlichkeit. Das Material ist gut geprüft. Natürlich kann etwas schief gehen, aber daran denke ich nicht. Auf dem Rennrad heißt es jetzt 40 km ordentlich rollen. Gegend genießen. Bis in die nächste Steigung. Nicht zu schnell. Die Gruppe bremst und zieht zugleich. Ich hänge mich dahinter. Schöner Rhythmus.
Im Berg bin ich wieder für mich. 1400 HM am Stück, noch nie habe ich soviel im Training absolviert. Ich überhole eine Menge Mitstreiter. Ich bin überrascht. Ich fühle mich gar nicht soviel besser wie andere. Aber es läuft. Die einzige die hinter mir bleibt ist Kathrin Müller. Mit ihr geht es bis auf die Große Scheidegg und auch wieder hinunter. Bei 6 ° C und sehr geringer Sicht lasse ich ihr bergab den Vortritt. Wer hier die größere Erfahrung hat ist wohl ersichtlich, angesichts des Weltmeistertitels eine Woche zuvor 😉 Dafür und natürlich zum Sieg des Infernos herzlichen Glückwunsch und vielen Dank fürs Vorfahren hinab nach Grindelwald.
Wer fährt schon fast 4 h mit einer amtierenden Weltmeisterin zusammen Fahrrad. Ich bin zufrieden mit meiner Leistung auf dem Rennrad und steige auf MTB.

 

Rückenschmerzen begleiten mich ab den ersten Metern. Der Aufstieg ist hart. Aber 2 Tage zuvor bin ich mit meinem Weib auch 1000 HM und 30 km gefahren. Warum fällt mir die gleiche Höhe jetzt so schwer? Ich fahre langsamer. Ich lasse Mitstreiter vorbeiziehen. Ich genieße die Umgebung solange es noch geht. Oben sieht man eh nichts mehr. Es wird kälter. Es wird steiler. Zusammen mit einigen anderen steige ich vom Rad. Hier muss geschoben werden. Sowas habe ich nicht erahnen können. Aber ich ergebe mich schnell dem Schicksal, und nutze es um meinen Rücken zu mobilisieren. Oben auf der Kleinen Scheidegg gönne ich mir erstmal was Warmes. Ziehe meine Jacke an. Bin begeistert von der freundlichen Unterstützung der Helfer. Die Eine füllt meine Flasche. Die Andere zieht meine Jacke auf Rechts und ein Weiterer reicht mir einen Bouillon. Ihr seid spitze. Daumen Hoch

Die Abfahrt, nunja, hat allen meine Vorstellungen übertroffen. Bisher noch der Meinung gewesen, bergab ist einfacher als bergauf, bin ich hier eines besseren belehrt worden. Als nicht so technisch versierter Radfahrer bin ich hier körperlich und geistig an meine Grenzen gestoßen. Es war hart. Es war schwer. Es war eisig kalt. Teilweise musste geschoben werden. Aber… Ich wollte unverletzt unten ankommen. Demnach habe ich das gern gemacht. Ich war nicht darauf aus so schnell wie Möglich runter zu kommen. Ich wurde vorsichtiger. Es ist mein erstes Mal. Ich muss nichts riskieren. Ich lasse vorbeifahren. Ich applaudiere sogar. Unten wartet mein Weib am Chalet. Dort kann ich kurz ausruhen. Dort nehme ich mir kurz Zeit. Ich fahre unverletzt und ohne Sturz runter.

– Die Tatsache, dass meine Federung die ganze Abfahrt blockiert war, habe ich erst fest gestellt, als ich Zuhause mein Rad in die Garage geschoben habe. D.h. ein Rennrad mit MTB Bereifung wäre auf der Abfahrt möglicherweise genauso geeignet gewesen wie mein schönes MTB mit blockiertem Federweg :D. Diesen Fehler werde ich wohl nicht mehr machen, so der O-Ton meines Weibes :D, Selbst schuld, hehe… Ich bin über mich selbst fassunglos gewesen, aber irgendwas ist nunmal immer 😀 Ein Grund mehr wieder zu kommen –

Beim Wechsel in Stechelberg hab ich dann zum wiederholtem Male festgestellt, dass ich mit meinen Vorbereitungen definitiv alles richtig gemacht habe. Während neben mir Hose, Shirt, Socken und was es nicht alles gibt, gewechselt worden ist -die Beutel waren schließlich rappel voll- habe ich mir die Laufschuhe angezogen, ein Buff um den Hals, zwei Gels in die Hand und konnte los. Fast überrascht dass alles wieder so schnell ging.
Beim wiederholten Male an meinem Weib vorbei bekam ich dann noch Ingwer und heißen Tee. Toll diese Frau J Durch den Ingwer habe ich dann den Magen wieder beruhigt, der sich nach dem Schokoladenkonsum auf der kl. Scheidegg bemerkbar gemacht hat. Von Schoki kann ich halt nicht die Finger lassen 😀
Oben in Mürren angekommen, topfitt und nicht anmerkbar dass ich schon 7 Stunden hinter mir habe musste auch ich mir trockene und warme Sachen anziehen. Schließlich waren es oben kaum Temperaturen über den Gefrierpunkt. Mein Weib hatte alles dabei. Longsleeve, Jacke, Supplementierung. Was kann jetzt noch schief gehen. Toll dieser Support :*

Nicht ahnend was noch kommt lief ich weiter. 500 Meter und dann musste auch fast schon wieder gegangen werden. Ab hier war alles Neuland für mich. 1700 m Höhe. 1300 kommen noch. 7 km nur noch. Wird schon passen.
Nunja, irgendwann passte nicht mehr viel. Die Sicht betrug keine 20 Meter. Ich sah nur Geröll, meine Füße und weiße Wolken wohin ich auch schaue. Vorne, hinten, Seite, Oben. Keine Berge. Keine Sonne. Kein Weg. Kein Abgrund.
Was habe ich bereits geschafft? – Der Blick nach unten verrät nichts.
Wo ist mein Ziel? – Der Blick nach oben verrät nichts.
Woran halte ich fest? Ich wollte hinunter schauen können. Ich wollte die Gegend genießen. Ich wollte einen Berg erlaufen – Ich sehe keinen Berg. Ich sehe keine Gegend. Ich sehe auch keine Sonne. Nur weiß. Nur Geröll und Kälte. An Laufen ist nicht zu denken. Ein Schritt vor dem anderen. Es ist hart. Aber….
Es gibt keine Möglichkeiten. Ich mache es mir einfach. Es gibt nur einen Weg. Und dieser ist ausgeschildert. KM für KM. Stein für Stein. Schritt für Schritt. Verpflegung für Verpflegung. Anfeuerungen. Tolle Helfer. Tolle Wanderer. Klatschen. Ich bedanke mich bei jedem am Weg. Ich freue mich, dass sich Menschen für andere so ins Zeug legen. Sie unterstützen mich. Allerdings kann ich nicht schneller. Ich mache langsam. Ich weiss wer mich erwartet.

Ich bin gedanklich am Strand. Ich habe Sonne. Palmen. Bier. Es hilft kurzfristig. Ich habe wieder einige Meter geschafft.

Mein Weib wartet. Womöglich draußen in der Kälte bei 0 °C. Mitten im August. Ich wiederhole. Frost. Weib. Sommer. Das passt nicht. Ich muss hoch. Ich kann sie nicht lange dort stehen lassen. Sie steht nur meinetwegen dort. Das tut sie sich an. Und sie sieht nicht mehr wie ich. Ich wollte ihr Ausblicke bieten. Berglandschaften. Unendliche Weiten. Und nun das. Sie wartet und weiss nicht wann ich oben sein werde.

Ich muss weiter hoch. Ich höre den Moderator. Es sind noch 500 Meter. Die Luft ist dünn. Ich habe nur noch wenig Kraft. Alles was mich jetzt noch treibt steht oben. Kein Blick. Keine Aussicht. Keine Landschaft. Kein Berg. Aber, Mein Weib. Ich komme hoch. Ich suche sie. Dort. Im Ziel. Ich muss nur noch durchlaufen. Glückwünsche. Überwältigt. Umarmung. Tränen. Ich bin da. Sie ist da. Meinetwegen. 2970 m ü NN. Zu Fuß….
Fassungslos. Sprachlos. Ich will kein Bier. Ich will keine Schoki. Ich will umarmt werden.
Es wird dauern, alle Eindrücke voll verarbeitet zu haben. Aber ich habe hiermit einen großen Schritt getan. Ich hat mich geprägt. Es hat mich fasziniert. Ich habe mich fasziniert. Wozu ich fähig bin. Wahnsinn. Ich bin zufrieden. Ich bin glücklich. Ich bin gut.

 

Besonderen Dank gilt allen Helfern, den tollen Organisatoren, den Wanderern, den Einheimischen. Ihr habt diese Tage zu einem unvergesslichen Erlebnis für mich werden lassen.

Und zuletzt natürlich meinem tollen Weib. Du bist unschlagbar und unverzichtbar :-*

 

 

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Eine Antwort zu Inferno 2014 – Ein erster Rückblick

  1. Gabriele schreibt:

    Mensch, Tim, das hast du toll beschrieben! Und natürlich eine tolle Leistung gebracht. Freue mich,d ass du eine so passende Partnerin hast.

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